Vortrag von Prof. Dr. Raina Zimmering im LAF am 5. April 2018 zu lateinamerikanischen Migrationsbewegungen
Migration ist nicht nur in Europa ein höchstbrisantes Thema. Auch auf dem amerikanischen Kontinent gehört das Überschreiten von Grenzen zum Alltag. 28,5 Millionen Lateinamerikaner verließen allein zwischen 2005 und 2010 ihr Land, der Großteil von ihnen in die USA. Die Historikerin, Politologin, Soziologin und Lateinamerikanistin, Prof. Dr. Raina Zimmering, fragte in Ihrem gut besuchten Vortrag am 5. April im Lateinamerika-Forum Berlin nach Ursachen und Wirkungen von Migrationsbewegungen, vor allem lenkte sie den Blick auf die Migrationspolitik der USA. „Migration und der Blick nach Europa“, so heißt das Buch der Wissenschaftlerin, dessen leicht missverständlichen Titel sie bei der Veranstaltung des Lateinamerika Forums sogleich erklärt. Gemeint sei der Vergleich der Migrationspolitik und der Migrationsgründe und nicht die Migration aus lateinamerikanischen Ländern nach Europa. RainaZimmering verfolgt bei ihren Forschungen zur Migration einen entwicklungspsychologischen, poststrukturalistischen und kulturpolitischen Ansatz. Die mediale Sichtbarmachung der Abwanderung aus lateinamerikanischen Ländern in die USA erhielt durch die bizarre Politik des aktuellen US-Präsidenten eine neue Qualität. „We are going to build the wall!“ – und Mexiko sollte das zahlen, versprach Trump im Wahlkampf und kritisierte die angeblich lasche Migrationspolitik der Demokraten. Länder Afrikas aber auch einige lateinamerikanische (wie Haiti) bezeichnete der Präsident als „shithole countries“. Berichten BBCs zufolge seien laut Trump die meisten Mexikaner Vergewaltiger, Drogendealer und Kriminelle. Reaktionen in Lateinamerika und Afrika darauf blieben nicht aus. Doch welche Realität der Migration versteckt sich tatsächlich hinter diesem einseitigen medialen Bild? In der Wissenschaft wird Migration oft mit dem Push-Pull-Modell nach Everett S. Lee erklärt. Nach dem Modell werden Menschen entweder (oder auch gleichzeitig) aus ihren Ländern „weggedrückt“ oder/und von anderen Ländern aus meist ökonomischen Gründen „angezogen“. Für Zimmering ist Gewalt der Push-Faktor Nummer 1. Sie verweist auf die „Nekropolitik“ – Todespolitik – in lateinamerikanischen Ländern, so etwa den in Mexiko seit Jahren herrschenden Drogenkrieg und die Straflosigkeit. In Mexiko blieben etwa 98% der Gewalttaten ungestraft. Vor allem mexikanische und zentralamerikanische Frauen, Kinder und Jugendliche seien stark von Gewalt betroffen, sagt Raina Zimmering. Schon in jungem Alter würden sie oft von kriminellen Organisationen wie beispielsweise der Mara Salvatrucha „angeworben“. Ein Austritt sei schwer und könnte das eigene Leben oder das der Familie kosten. Um die Grenze zu überqueren, wagen sie oft einen Ritt auf dem Rücken der „Bestie“, wie der grenzüberquerende Zug zwischen den USA und Mexiko oft bezeichnet wird.
Gewalt als Migrationsursache (©Wuertele)
