
Großes Interesse an Bolsonaro
- bei Umfragen noch immer fast 30% der Befragten die Regierung Bolsonaro mit „gut bis sehr gut bewerten, und dies, obwohl Bolsonaro den mächtigen Medienkonzern O Globo, der 40 Jahre lang Lula und die PT bekämpft hatte, heute zum Feind hat
- der Aufschrei gegen den Abbau von Bürgerrechten und des Sozialstaats, die Zerstörung Amazoniens und der demokratischen Institutionen, gegen die Entmachtung der Gewerkschaften nicht größer ist
- die offensichtliche Unerfahrenheit, Inkompetenz der Regierung und deren internen Widersprüche nicht bereits zum Sturz der Regierung geführt haben
- Und vor allem: Warum sich die Militärs derzeit so stark zurückhalten?

Podium, v.re Mario Schenk, Renata Motta, Luiz Ramalho, Mareen Butter, Werner Würtele
- Zuerst zu erwähnen sind immer noch die Wirtschaft und die Banken - dabei die deutschen Unternehmen in Sao Paulo mit großem Einfluss-, das Agrobusiness - sie alle sind begeistert von einem neo-liberal ausgerichteten Wirtschaftsminister Guedes, der ihre Interessen vertritt, wie Podiumsteilnehmer Mario Schenk feststellte. Doch Widersprüche gibt es auch, s.u.
- Auf die Grossgrundbesitzer, die sich illegal Land angeeignet haben (bes. Amazonien), und deren Machenschaften er legalisiert
- Auf die, von seinen Kreisen lancierten, fake news verbreitenden social medias und
- die zahlreichen Evangelikalen Kirchen, die zu ihm stehen, nicht zuletzt da er ein traditionelles Familienbild verteidigt
- Auf die Militärs, die er in Hunderte von Ämtern gehievt hat
- Auf Menschen, die sich durch bürokratische Normen gegängelt fühlen und Beifall klatschen, wenn er freien Zugang zu Waffen dekretiert, wenn er Radarkontrollen, Angelverbot in Naturschutzgebieten oder die Pflicht zu Kindersitzen abschaffen will
- Er versteht es weiterhin, sich seiner Klientel gegenüber als Kämpfer gegen die korrupte politische Klasse zu inszenieren. B befindet sich in permanentem Wahlkampf, alles sehr ähnlich wie bei Trump
- Seine Anhänger glauben ihm, dass Greenpeace hinter der Ölverschmutzung der Strände stünde, DiCaprio und die ONGs hinter den Amazonas-Bränden, Frankreich die „Internationalisierung“ Amazoniens betreibe, um Zugriff auf die dortigen Ressourcen zu erhalten, die NSDAP eine kommunistische Partei gewesen sei, der Klimawandel eine marxistische Erfindung, und dass eigentlich die Erde in sechs Tagen und eine Scheibe. Das Mittelalter lässt grüßen.
Folgt man den Verlautbarungen der Regierung, so hat das Land die wirtschaftliche Talsohle durchschritten und es geht wieder aufwärts. Andere Quellen besagen das Gegenteil. Es ist nicht einfach, sich in Zeiten der fake news ein objektives Bild zu machen. (Diese Thematik hätte bei der Bilanz m.E. stärker beleuchtet werden müssen).
Für einige Bevölkerungsgruppen wird die Regierung Bolsonaro zur unmittelbar lebensbedrohlichen Gefahr. Um nur zwei zu nennen:
- Indigene: Es gibt gerade eine verfassungswidrige Gesetzesvorlage, nach der der Bergbau auch in demarkierten indigenen Gebieten gestattet werden soll
- Junge schwarze Männer in den Favelas (Motto, „Zuerst schießen, dann fragen“), wobei den Sicherheitskräften Straffreiheit zugesichert wird.
- Die Verlagerung der Botschaft nach Jerusalem und seine Attacken gegen China musste er zurücknehmen: das agrobusiness fürchtete um den arabischen und chinesischen Markt, es fürchtet aber auch kritische europäische VerbraucherInnen
- Den Ausstieg aus dem Pariser Klima-Abkommen
- Die Militärs hielten nichts von einer militärischen Intervention in Venezuela.
- Er höhlte staatliche Umweltorganisationen finanziell und personell so aus, dass nur noch die Hülle übrigblieb – und sagte den Nicht-Regierungsorganisationen den offenen Kampf an (s. Paralysierung des Amazonas-Fonds)
- Er kriminalisiert soziale und indigene Bewegungen (Movimento sem Terra als terroristisch)
- Er bekämpft emanzipatorische Bildung (Feind Paulo Freire) und die sog. Gender-Ideologie

Proteste gegen Agrarpolitik in Berlin

Nordost Gouverneure
Widersprüche. Wie werden sich die verschiedenen wirtschaftlichen Interessengruppen, wie die Militärs künftig positionieren? Fürchten sie um die Beschädigung ihrer Institution, um ihren guten Ruf durch die Politik des Hauptmanns? Wer gewinnt den Konkurrenzkampf zwischen dem Präsidenten und seinem Justizminister? Was wenn Bolsonaro die Erwartungen seiner Klientel nicht erfüllt?
Nur Luiz Ramalho zeigte Zuversicht. Er glaubt an die Selbstheilungskräfte der bunten brasilianischen Gesellschaft. Die Hoffnungen lägen nun auf lokaler und Landesebene, in der hochdiversen Gesellschaft. Den Blick auf sie zu lenken, könnte Depressionen entgegenwirken, meint auch der Autor diese Zeilen.
Auf die Rolle der Kirchen und Medien wurde in der Diskussion mehrfach Bezug genommen. Zu beiden plant das LAF Veranstaltungen. Werner Würtele bedankte sich für das LAF-Team bei Mareen Butter, die als Moderatorin sehr sicher durch die Veranstaltung geführt hatte, bei den ReferentInnen Luiz Ramalho, Renata Motta und Mario Schenk sowie dem special guest Klaus Bodemer. Und natürlich bei einem Publikum, das unter erschwerten Bedingungen in einem übervollen Saal gute zwei Stunden ausgeharrt hatte.
Ein Rückblick von Werner Würtele (LAF)
"Ein Jahr Bolsonaro - Bilanz und Ausblick" am 16.1.2020 Mit Sr. Renata Motta, Dr. Luiz Ramalho und Mario Schenk, Moderation: Mareen Butter
Foto Credits: Jeso Carneiro, bolsonaro, Flickr, CC BY-NC 2.0

